Dienstag, 31. Mai 2016

Fachtagung zeigt Bedeutung von Achtsamkeit am Arbeitsplatz

Achtsamkeitsbasierte Verfahren kommen immer stärker in der Arbeitswelt an. Zu spüren, zu hören und zu erleben war das bei der Fachtagung „Achtsamkeit am Arbeitsplatz“, die Ende April in Frankfurt stattfand. Was mir besonders Mut gemacht und neuen Schwung gegeben hat, erfahrt ihr in meinem Rückblick.

Wie kann das Thema „Achtsamkeit am Arbeitsplatz“ stärker in den öffentlichen Diskurs gebracht und ein ernsthaftes und umfassendes Verständnis von Achtsamkeit vermittelt werden? Was bringt Achtsamkeit sowohl für den Einzelnen als auch für Unternehmen, Organisationen und Verwaltungen? Und wo wird Achtsamkeit in der Arbeitswelt bereits erfolgreich gelebt?

Mit diesen zentralen Fragen hatten mich Rüdiger Standhardt und Cornelia Löhmer bereits zum zweiten Mal zur Fachtagung „Achtsamkeit am Arbeitsplatz“ nach Frankfurt gelockt. Dort, in der Bildungsakademie des Landessportzentrums Hessen, habe ich bei den beiden bereits 2013/14 meine Ausbildung zur Trainerin „Achtsamkeit am Arbeitsplatz“ absolviert. Und ich freue mich jedes Mal aufs Neue, an diesen Ort zurückzukehren.

Richtig ankommen mit Achtsamkeitspraxis


Schon alleine mein morgendlicher Spaziergang durch den Stadtwald war sehr schön und entspannend. So hab ich die verbleibende Zeit bis zum Veranstaltungsbeginn genutzt, um mit einer Runde „Progressive Muskelentspannung“ in der Morgensonne erst mal richtig an Ort und Stelle anzukommen. Und schließlich gehört die Achtsamkeitspraxis bei der Fachtagung ganz selbstverständlich mit dazu. Denn Achtsamkeit soll nicht nur lange diskutiert, sondern auch gelebt werden.

So waren wir Tagungsteilnehmer von Cornelia Löhmer und den anderen Referenten zwischen und während der Vorträge immer wieder zu kurzen Achtsamkeitsübungen eingeladen. Ich muss sagen: Es hat schon was sehr Mitreißendes und Verbindendes, wenn plötzlich ein ganzer Tagungssaal mit rund 200 Teilnehmern gemeinsam progressiv die Muskeln im Stehen entspannt, tief atmet oder bewusst innehält.

Präsentismus ist enormer Kostentreiber in Unternehmen


Die Beiträge der Referenten waren aus meiner Sicht eine sehr gelungene Mischung! Einen prominenten und wissenschaftlich fundierten Auftakt legte Prof. Dr. Bernhard Badura von der Uni Bielefeld hin. Der Schwerpunkt seines Vortrags lag auf der emotionalen Bindung von Mitarbeitern zu ihrer Arbeit. Denn er weiß: Fehlt diese, wird jede Aufgabe mit der Zeit zur Anstrengung, die uns verschleißt.

Auch mahnte er die Unternehmen im Hinblick auf die psychische Gesundheit der Mitarbeiter weniger das Thema „Absentismus“, sondern vielmehr den „Präsentismus“ in den Fokus zu rücken. „Nicht jeder Abwesende ist krank und nicht jeder Anwesende ist gesund“, so Badura. Präsentismus sei ein enormer Kostentreiber in Unternehmen, daher lohne es sich für beide Seiten, noch mehr in die Gesundheit der Mitarbeiter zu investieren. Beispielsweise durch Achtsamkeitstrainings.

Firmen brauchen kurze, knackige Achtsamkeitsübungen


Die nachfolgende Referentin Sabine Friess knüpfte genau an dieser Stelle an – authentisch, sympathisch und sehr praxisorientiert. Nach langjähriger Berufspraxis als Führungskraft und eigenen intensiven Stresserfahrungen, beschloss sie ihr Leben komplett umzukrempeln. Und schlug den Weg der Achtsamkeit mit einer MBSR- und Yoga-Ausbildung ein. Mittlerweile bietet sie erfolgreich auch Achtsamkeitstrainings für Firmen an. Schließlich weiß sie nur zu gut, wie schwierig es für eine Führungskraft ist, die eigenen Mitarbeiter „gesund“ zu führen, wenn sie selbst im Chaos des Alltags drinhängt. Sie ist überzeugt: „Multi-Tasking macht krank!“ und lädt zum bewussten innehalten ein.

Ein Aspekt ihres Vortrags hat mich auch in meinem Tun sehr bestärkt: Unternehmen brauchen kurze Achtsamkeitsübungen im Zeitrahmen von 10-15 Minuten. So lassen sich diese auch gut in den Arbeitsalltag integrieren. Und das ist genau die Länge der Übungen, die ich selbst im Rahmen meiner Achtsamkeitstrainer-Ausbildung erlernt und auch in meinen eigenen Trainings weitervermittle.

Teure Folgen von Un-Achtsamkeit in der Wirtschaft

Der Vortrag von Armin Pollmann nach der Mittagspause rückte ebenfalls einen interessanten Aspekt in den Blickpunkt: Die Vorbehalte von Unternehmen gegen achtsamkeitsbasierte Verfahren, mit denen wir Achtsamkeitstrainer auch immer wieder konfrontiert werden. Sein Rat: Neben weichen Argumenten (klarer Nutzen, wissenschaftliche Untermauerung, individuelle Anpassbarkeit der Trainings auf Unternehmensbedürfnisse…) auch ganz klar auf die Folgen von „Un-Achtsamkeit“ in Unternehmen hinweisen! Angefangen von Messungen zum Job-Stress (hier gibt es z.B. in der Schweiz den sogenannten Job Stress Index), über psychische und physische Gesundheitsbeschwerden der Mitarbeiter bis hin zu Fehlzeiten und Produktivitätsverlusten – das Ausmaß ist enorm. Ganz abgesehen vom mangelnden Mitarbeiter-Engagement und den Folgekosten für Krankheitstage, innere Kündigung usw.

Laut Pollmann belaufen sich die Gesamtkosten in der EU im Zusammenhang mit Stress auf eine Billion jährlich! Er ermunterte uns Trainer deshalb dazu, gemeinsam mit den Unternehmen den ROI – also die Kapitalrendite – für die Ausgaben in Achtsamkeitsprogramme zu errechnen. Zwar sei das natürlich nicht immer ganz einfach, weil viele Angaben geschätzt werden müssten. Aber Armin Pollmann weiß aus eigener Erfahrung: „Ohne Zahlen geht’s in der Business Welt nicht!“

Erfüllte Mitarbeiter als Erfolgsrezept der Zukunft

Der Höhepunkt des Tages – quasi meine persönliche „Achtsamkeitsperle“ – war der Vortrag von Helmut Lind, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank München. Von ihm erhielten wir einen offenen, ehrlichen aber vor allem ermutigenden Einblick in den Prozess, den sein Unternehmen auf dem Weg zu einer achtsamkeitsbasierten Unternehmenskultur durchlaufen hat. Lind ist überzeugt, dass sich Business und Achtsamkeit gut verbinden lassen – diese Erfahrung hat er selbst gemacht und vertritt das glaubwürdig nach außen. Allerdings sei es wichtig, dass die Führungskraft bei sich selbst anfängt und dann die persönliche Transformation jedes einzelnen Mitarbeiters ermöglicht. Und das ist der Schlüssel, der letztlich auch die gesamt Unternehmenskultur verändert.

Dass eine solche Entwicklung keine leichte ist – noch dazu bei einer Bank ;-) – ist klar. Doch Helmut Lind weiß, dass sich all die Mühen lohnen und wünscht sich gleichzeitig noch mehr Unternehmen, die ebenso mutig diesen Weg gehen. Denn ein solcher Prozess bringt auch zufriedenere Mitarbeiter mit sich. Schließlich geht es beim Thema Achtsamkeit auch viel um Selbstliebe – darum, sich selbst in den Fokus zu rücken und  dabei die eigenen Talente und Fähigkeiten (wieder) zu entdecken und auch in den täglichen Arbeitsaufgaben zu leben. Das Erfolgsrezept, das Lind uns noch mit auf den Heimweg gibt: „Wir brauchen heutzutage nicht mehr Menschen, die Erfolg haben, sondern mehr Menschen die erfüllt sind.“

Neuer Motivationsschub für meine eigene Tätigkeit

Von meiner Seite bleibt abschließend nur noch zu sagen: Danke an alle Referenten, Veranstalter und Organisatoren aber auch Tagungsteilnehmer für die inspirierenden Vorträge und Gespräche. Den Termin für die nächste Fachtagung (27. April 2017) habe ich mir schon fest im Kalender notiert!

Die Fachtagung wirkt immer noch in mir nach und hat mich sehr motiviert, das Thema Achtsamkeit nicht nur an Privatpersonen (z.B. mit dem AchtSamstag), sondern zukünftig noch verstärkt an Unternehmen weiterzutragen.

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